Forbes-Artikel zur Sicherheit sog. Smartguns

Werte Unterstützer,

der US-amerikanische Experte für Cybersicherheit Joseph Steinberg (Twitter @JosephSteinberg) hat vor einigen Tagen einen bemerkenswerten Artikel im Wirtschaftsmagazin Forbes veröffentlicht. Er schildert hierbei seine Sicht auf elektronisch blockierbare Waffen.

Wir haben Joseph gefragt, ob wir den Artikel übersetzen und in Deutschland veröffentlichen dürfen und heute kam seine Zustimmung. Es sind einige sehr interessante Punkte aufgeführt, die wichtigsten sind farblich hervorgehoben: 

Warum Sie wegen der neuen „Intelligenten Waffen“ besorgt sein sollten (ob Sie Waffen mögen oder nicht)

Smartguns – soeben marktreif geworden – sind mit einem kleinen Computer ausgestattete Feuerwaffen, welche die Sicherheit im Umgang erhöhen sollen, indem sie nur einer autorisierten Person oder Gruppe das Abfeuern ermöglichen und in einigen Fällen sogar sicherstellen sollen, dass man lediglich auf nicht-lebendige Ziele feuern kann.

Ich zweifle nicht daran, dass Unterstützer dieser Technologie Unfälle und Gewalttaten reduzieren möchten. Dieses Ziel verfolge auch ich stark. Aber ist die Smartgun-Technologie wirklich schon bereit, die große Bühne zu betreten? Oder erzeugen diese Waffen Angriffspunkte, welche neue, ernsthafte Sicherheitsprobleme ergeben – egal ob für den Besitzer oder für Unbeteiligte?

Meine Gedanken konzentrieren sich hierbei auf den Bereich, in welchem ich Erfahrung habe: Computerbezogene Risiken der „intelligenten Technologie“, die in Waffen eingesetzt wird sowie die Risiken, die daraus für Menschen entstehen. Die scheinbar niemals enden wollende Debatte über Waffenkontrolle überlasse ich hierbei Anderen.

Trotzdem muss hier gesagt werden, dass die Debatte über Smartguns landesweit einen großen Einfluss haben kann. Der Bundesstaat New Jersey verfügte bereits, dass gewöhnliche Feuerwaffen an Zivilisten in dem Moment nicht mehr verkauft werden dürfen, in dem Smartgun-Technologie verfügbar sein wird. Ein Senator wollte in Washington gar ein Gesetz einbringen, das bundesweit für noch striktere Regelungen gesorgt hätte, da hierbei nicht nur alle in den USA importierten, hergestellten und verkauften Waffen „intelligent“ zu sein hätten, sondern zusätzlich alle bereits in ziviler Hand befindlichen Waffen hiermit umgerüstet werden müssten. Während die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Idee zu einem Gesetz wird, wohl gegen null geht, werden Gesetzgeber bei den Smartguns wohl keine Ruhe geben.

Smartguns sollen angeblich für jeden die Sicherheit erhöhen. Technische Mängel in der ersten Generation machen die Sache allerdings komplexer. Während nicht jeder unten erwähnte Punkt auf jedes Smartgun-Modell bezogen sein muss, ergeben sich in der Summe gute Gründe zur Sorge:

1. Elektronische Geräte benötigen eine Energiequelle, hier machen auch Smartguns keine Ausnahme. Ohne Strom kann man sie nicht abfeuern. Eine Person, die im Begriff ist, zur häuslichen Selbstverteidigung eine Waffe zu benutzen, könnte sich in ernsthafte Gefahr begeben, falls sie beim Zielen auf den bewaffneten Einbrecher feststellen muss, dass die Batterien leer sind. Generell ist es nicht sinnvoll, eine Notfallausrüstung, welche ursprünglich ohne Strom auskam, jetzt von diesem abhängig zu machen. Wie viele Brandschutzbestimmungen erlauben wohl Feuerlöscher, die nicht ohne Batterie benutzt werden können? Bevor man also Smartguns für zuverlässig halten kann, müssen gegen dieses Problem Maßnahmen ergriffen werden. Die Anzeige einer zur Neigung gehenden Batterie wird nicht ausreichen, da viele Besitzer ihre Waffen nicht täglich mit sich führen, verschlossen aufbewahren und auch nicht regelmäßig überprüfen. Sie Werden die Warnmeldung nicht sehen, ehe es zu spät ist.

2. Computer unterliegen Fehlfunktionen und auch die Authentifizierungstechnologie ist nicht fehlerlos. Legal bewaffnete Bürger könnten bei einer Fehlfunktion getötet werden, während sie sich oder ihre Familien bei einem Einbruch oder einer Vergewaltigung schützen wollen. Während Einige hier anführen, dass auch herkömmliche Waffen gelegentlich eine Störung haben, ergibt sich bei Smartguns eine ganz neue Dimension möglicher Fehlerquellen. Zusätzlich dauert es üblicherweise sehr viel länger, ein technisches Problem auszuschalten als eine störende Feuerwaffe wieder einsatzbereit zu machen: Ein erfahrener Besitzer kann eine verklemmte Waffe normalerweise binnen Sekunden wieder einsatzbereit machen, während selbst Experten eine abgestürzte Elektronik kaum in dieser Zeit neu starten können. Es schaudert einen beim Gedanken, dass ein Polizist seine Waffe „neu starten“ müsste oder sich nicht richtig authentifizieren kann, während er sich in einem Schusswechsel befindet.

3. Wenigstens eine – inzwischen erhältliche – Smartgun verlangt von Ihrem Besitzer das Tragen einer speziellen Uhr. Die Waffe kann nur abgefeuert werden, wenn sie sich in kurzer Entfernung zur Uhr befindet. Während dies in einigen Situationen einen gewissen Schutz bieten kann, wird es das in anderen Situationen eher nicht: Diese Funktion wird kaum einen Verbrecher abhalten, jemandem die Waffe abzunehmen und diesen aus nächster Distanz zu beschießen (solange die Waffe den Bereich der Uhr nicht verlassen hat) oder einen Ganoven abhalten, Waffe samt Uhr zu stehlen. Die Verpflichtung, zwei Gegenstände benutzen zu müssen, um sich zu authentifizieren, ist generell eine große Verbesserung der Sicherheit. Im Einsatzfall erst eine PIN-Nummer in die Uhr eingeben zu müssen, zielt auf diese Idee ab, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass der legitime Besitzer unter Umständen nicht schnell genug seine Waffe einsatzbereit bekommt. Wie gut wird man eine PIN-Nummer eintippen können, wenn man sich in Todesangst befindet? Was passiert, wenn eine Polizistin in einem Notfall die Waffe ihres Kollegen benutzen muss?

4. Einige neu erscheinende Smartguns nutzen Biometrie, allerdings benötigt Biometrie eine gewisse Zeit für die Authentifizierung des Nutzers und ist oft ungenau, vor allem wenn der Nutzer in einer Zwangslage ist wie fast immer, wenn er eine Waffe ziehen muss. Noch dazu sind Fingerabdruckleser und andere biometrische Sensoren fehleranfällig, wenn der Nutzer schwitzt, zittert oder gar blutet. Authentifizierungsfehler könnten für unschuldige Menschen den Tod bedeuten, wenn man gerade seine Familie beschützen möchte. Ein weiteres Problem hierbei ist, dass ein Gauner, der die Waffe entwendet hat, die dazu passenden Fingerabdrücke praktisch überall auf der Waffe findet. Dieses Problem habe ich bereits früher in Zusammenhang mit Fingerabdrucklesern in Smartphones erläutert.

5. Wie ich bereits in einem früheren Artikel ausführte, könnten Smartguns dafür anfällig sein, von der Regierung nachverfolgt oder blockiert zu werden. Wie schwierig wäre es wohl für die Regierung, den Hersteller zum Einbau einer Funktion zu zwingen, welche dies ermöglichen würde? Bevor wir diesen Gedanken als schräge Paranoia zur Seite wischen, sollten wir uns klar machen, dass die US-Regierung angeblich Schadsoftware in tausenden Netzwerken installiert und Spionagechips in Computer hat einsetzen lassen. Sie hat zugegeben, ihre eigenen Bürger auszuspionieren, hat vermutlich Technologiekonzerne gehindert, diese Spionage gegenüber den Bürgern zuzugeben und ist zusätzlich dafür bekannt, Waffen aus den Augen zu verlieren, deren Verbleib eigentlich verfolgt werden sollte. Sollten Bürger nun tatsächlich darauf vertrauen, dass diese Regierung ihre Waffen nicht kontrollieren möchte? Sind Waffen weniger wichtig in der Nachverfolgung als Telefonate? (Während Nachverfolgungschips theoretisch auch in herkömmlichen Waffen untergebracht werden können, um eine kurzzeitige Verfolgung oder eine auf bestimmte Orte beschränkte Kontrolle zu ermöglichen, ergeben sich durch eine Energiequelle in der Smartgun ganz andere Möglichkeiten der Nachverfolgung.)

6. Smartguns könnten gehackt werden! Selbst ohne eingebaute Tracking- oder Störfunktionen können auf Funkwellen beruhende Smartguns – wie das oben erwähnte Waffe-Armbanduhr-Paar – aus der Distanz gestört werden. Das ist keine Erfahrung, die ein Polizist oder ein ziviler Waffenbesitzer machen möchte, wenn er einem mit einem „Jammer“ ausgerüsteten Ganoven gegenübersteht. Regierungen könnten von der Möglichkeit profitieren, zivile Waffen „auszuschalten“ und Verbrecher davon, Dienstwaffen der Behörden zu blockieren.

7. Jede Einrichtung, die eine Waffe von der Schussabgabe auf ein nicht speziell markiertes Ziel abhält – ein Merkmal, welches einige neue Smartguns bieten sollen – machen die Waffe wohl sicherer in Bezug auf die häusliche Aufbewahrung, verhindern allerdings die Möglichkeit, sich mit dieser Waffe zur Wehr zu setzen.

8. In einigen Situationen könnten Smartguns die Sicherheit sogar verschlechtern. Wenn unvollständige oder unzureichende Sicherheitsmerkmale mit großem Tamtam eingeführt werden, neigen Menschen dazu, sich auf diese zu verlassen. Hierbei entsteht eine Anfälligkeit für Unfälle. In der Welt der Informationssicherheit sehen wir dies weltweit: Wie viele Menschen haben schon Software, Spiele oder Musik aus unbekannten Quellen heruntergeladen, weil sie sich auf ihren Virenscanner verlassen haben? Übertragen auf Waffen: Kennen wir nicht alle die Geschichten über Unfälle mit Schusswaffen, weil jemand sich auf die eingebaute Sicherung verlassen hat, die allerdings doch nicht eingelegt war? Ob Menschen mit solchen Waffen, bei denen sie von einer Nichtbenutzbarkeit durch Unbefugte ausgehen, bei Lagerung, Transport und Führen eventuell nicht so vorsichtig sind wie bei herkömmlichen Schusswaffen, bleibt abzuwarten. Die Einführung von Sicherheitsmerkmalen ist nur dann „smart“ wenn diese garantiert immer funktionieren oder wenn den Nutzern eindeutig klar gemacht wird, sich nicht auf diese zu verlassen. Dies wird allerdings nicht passieren, wenn die Massenmedien weiterhin die Smartguns als perfekte Waffe wie aus einem James Bond-Film darstellen.

9. In manchen Situationen müssen Schusswaffen auch durch Fremde benutzbar sein. Zum Problem wird es beispielsweise für Polizisten, die im Notfall nicht die Waffe ihres Kollegen nutzen können. Das Konfigurieren von Smartguns in polizeilichen oder militärischen Umgebungen wird also nicht einfach sein, da jede einzelne Waffe ständig auf dem aktuellen Stand sein muss. Dies birgt die Gefahr schlimmer, wenn nicht gar tödlicher Fehler. Unternehmen nutzen robuste, gut entwickelte Zugangsschutzsysteme nicht grundlos – selbst wenn es dabei um wesentlich weniger gefährliche Dinge als Schusswaffen geht.

10. Schusswaffen müssen sich zur Reinigung und Wartung zerlegen lassen können. Ein Grundsatz der Informationssicherheit lautet, dass jeder, der physischen Zugriff auf ein System hat, dessen Sicherheit aushebeln kann. Smartgun-Hersteller müssen nachweisen, dass kriminelle Smartgun-Diebe diese nicht so modifizieren können, dass sie auch mit reaktiviertem oder entfernten Sicherheitsmodul funktionieren. Ebenso, dass die Waffe trotz des nicht möglichen Zugangs zu den mechanischen Teilen langfristig zuverlässig funktionieren wird.

Einige der oben genannten Mängel könnten in Zukunft behoben werden. Andere werden weiter bestehen, könnten aber hinnehmbar sein, wenn die Smartgun-Technologie ausreichend entwickelt, nützlich und zuverlässig sein wird. Zum jetzigen Zeitpunkt bestehen allerdings noch große Zweifel.

Am deutlichsten werden die solche Smartguns begleitenden Mängel wohl durch die Tatsache, dass die Behörden nicht auf diese wechseln. Viele Polizistinnen und Polizisten haben Kinder daheim und dadurch ein nachvollziehbares Verlangen, dass Schusswaffen nur durch Befugte abgefeuert werden können. Genauso sehen sie sich im Einsatz mit Verbrechern konfrontiert, die versuchen könnten , ihnen die Waffe abzunehmen. Trotzdem hat bis heute keine Behörde auf Smartguns umgestellt. Das oben erwähnte Gesetz in New Jersey nimmt Behörden sogar explizit aus. Die Ablehnung der Behörden gegenüber diesen sogenannten „sichereren Produkten“ ist äußerst bezeichnend: Wenn Berufswaffenträger nicht auf Smartguns vertrauen, warum bitte sollten dann Zivilisten dies tun?

Ironischerweise könnte der Versuch der Gesetzgeber, Smartgun-Technologie vorzuschreiben, sogar zu mehr Toten durch Waffenunfälle führen, da die Herstellung tatsächlich sichererer und „smarterer“ Waffen verzögert wird. Die Waffenhersteller, die einen gewaltigen Gewinn durch den Verkauf herkömmlicher Waffen machen, haben gute Gründe, keine Smartguns zu entwickeln, wenn dadurch ihre herkömmlichen Schusswaffen unverkäuflich werden. Genau dies wird ja geschehen, wenn sich Gesetze wie das oben beschrieben aus New Jersey durchsetzen. Gleichermaßen erzeugen solche Gesetze eine gute Motivation für Waffenrechtsaktivisten, gegen Forschung und Entwicklung sowie den Verkauf dieser Waffen in den USA vorzugehen. Das Gesetz von New Jersey wurde bereits vor über zehn Jahren erlassen. Dies könnte zumindest teilweise erklären, warum wir bei den meisten Schusswaffenherstellern keine Angebote für Smartguns finden können.

Ein wesentlich besseres Vorgehen, als neue Gesetze zu schaffen, wäre wohl, den Markt für Schusswaffen (der in den USA mit allen Vor- und Nachteilen riesig ist) sich selbst zu überlassen und dadurch die Hersteller zur Entwicklung sichererer Waffen zu motivieren. Die Forschung fördern. Erfinderwettbewerbe. Anreize erhöhen. Würden Smartguns entwickelt, die ausreichend zuverlässig und gleichzeitig sicherer als herkömmliche Schusswaffen wären, würden die Menschen diese auch haben wollen. Die Behörden würden mit der Beschaffung beginnen und auch Zivilisten würden deren Gesuch nachkommen.

Das ist dann ein Weg, der unser Land für jeden sicherer macht.

 

für das Direktorium

Jan H. Schwerdt
stellv. Vorsitzender

Weiterlesen

Armatix geht nun gegen Waffenhersteller vor

Böse Überraschung: Kurz nach der IWA & OutdoorClassics durchsuchten Mitarbeiter des Bundeskartellamts die Räumlichkeiten der Firmen Heckler& Koch und Carl Walther wegen des Verdachts auf Wettbewerbsverhinderung.

Ein Sprecher des Bundeskartellamts bestätigte: „Das Unternehmen Armatix hat gegen verschiedene Hersteller von Handfeuerwaffen Untersuchungen initiiert. Das Bundeskartellamt hat in diesem Zusammenhang Durchsuchungen bei den betroffenen Firmen durchgeführt.“ Die Behörde hat sich zu den betroffenen Firmen nicht weiter geäußert, bestätigt sind die Untersuchungen bei Walther und HK.

Weiterlesen