Ein Beitrag von Katja Triebel

Bestimmt das Geschlecht, die Tatwaffe und das Bundesland die Schlagzeilen? Lörrach und Plochingen sind nicht die ersten Fälle seit Winnenden, bei denen Menschen durch Schusswaffen den Tod gefunden haben. Aber in beiden Fällen waren die „schwachen“ Frauen die Ausführenden. In beiden Fällen begann das Geschrei nach neuen Waffenverboten.

Somit stellt sich die Frage warum?

  • Weil die anderen Schusswaffentäter Männer waren?
  • Weil die anderen Schusswaffen illegal waren?
  • Weil bei Schusswaffenmorden in Baden-Württemberg sofort Herr Schober vom Aktionsbündnis Winnenden seine „Hilfe“ anbietet?

Kein Medium kam am ersten Tag auf den Gedanken, dass es vielleicht einen Streit gegeben haben könnte, die Frau vielleicht ihre Kinder vor dem Vater hat schützen wollen. Es gab nicht den leisesten Zweifel: Die Frau war Täter, der Mann war Opfer, das Tatmittel eine Waffe.

Ich hatte jedoch am 23. Januar Zweifel. Als Mutter kann ich mir nicht vorstellen, vor den Augen meiner Kinder irgendjemanden Gewalt an zu tun. Ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, meine Jungen – wie eine Tigerin – gegen jeden und auch mit allen Mitteln zu schützen. Eine Schusswaffe besitzt ein außerordentliches Drohpotential. Jeder vernünftige Mensch hört mit seinem Tun auf, wenn eine Schusswaffe auf ihn gerichtet ist, insbesondere wenn sie geladen ist. Sicherlich auch der gewalttätige Ehemann. Das waren meine Gedanken, als ich die Nachricht las.

Warum glaubte der Vater, dass die Frau ihre Drohung der Schussabgabe nicht wahr machen würde? Weil sich die Kinder im Raum befanden? Weil sich die Frau noch nie gewehrt hatte?

Diese Zweifel waren berechtigt. Die Pressemitteilung der Polizei Esslingen vom 24.01.11 hatte eine ganz andere Schlagzeile als Focus und Bild:

Streit zwischen Vater und Söhnen ging Familiendrama in Plochingen voraus
Ein Streit zwischen dem Vater und den Söhnen ging dem Familiendrama am Sonntagvormittag in einem Einfamilienhaus im Grieshaberweg in Plochingen voraus.  Die 41-jährige Frau erschoss vermutlich aus Angst um ihre Kinder ihren 47-jährigen Ehemann. Quelle: org.polizei-bwl.de

Naiv ging ich davon aus, dass diese Pressemitteilung in den nächsten Zeitungsmeldungen das Bild der Mutter anders darstellen würde. Doch wurde ich nur beim Stuttgart-Journal fündig:

Aus Angst um die Kinder: Familiendrama von Plochingen: Vater bedrohte 2-jähriges Kind
Familiendrama von Plochingen: Vater bedrohte 2-Jähriges – Ein Streit zwischen dem Vater und den Söhnen ging dem Familiendrama am Sonntagvormittag in einem Einfamilienhaus im Grieshaberweg in Plochingen voraus. Die 41-jährige Frau erschoss vermutlich aus Angst um ihre Kinder ihren 47-jährigen Ehemann. Quelle: Stuttgart-Journal.de 

Was zeigen uns die Schlagzeilen: Killer-Schützin, Todesschützin, Todesschüsse?
Lörrach und Plochingen sind nicht die ersten Fälle seit Winnenden, bei denen Menschen durch Schusswaffen den Tod gefunden haben. Aber in beiden Fällen waren die „schwachen“ Frauen die Ausführenden. In beiden Fällen begann das Geschrei nach neuen Waffenverboten.
Warum?

  • Weil die anderen Schusswaffentäter Männer waren?
  • Weil die anderen Schusswaffen illegal waren?
  • Weil bei Schusswaffenmorde in Baden-Württemberg sofort Herr Schober vom Aktionsbündnis Winnenden seine „Hilfe“ anbietet?  

Wo ist der Zusammenhang zu Winnenden? Wo ist der Zusammenhang zu Lörrach?
In einigen baden-württembergischen Zeitungen wurde sofort ein Zusammenhang dieser Tat mit Lörrach und Winnenden dargestellt. Doch Lörrach war ein sogenannter „erweiterter Suizid“. Diese Bezeichnung benutzen die Medien, wenn ein Täter seine Familie und sich selbst auslöscht. Winnenden war ebenfalls ein „erweiterter Suizid“, der jedoch nicht Familienangehörige, sondern fremde Personen mit einschloss. Dies bezeichnen die Medien als „Amoklauf“. Obwohl per Definition ein Amoklauf eine ungeplante Berserkertat im Affekt ist, während Winnenden und Erfurt und auch die Morde in Finnland zum Teil bis zu sechs Jahren im Voraus geplant waren. Die Tat in Plochingen hat keinen Suizid der Frau ausgelöst. Sie hat ihre Kinder, direkt nach der Tat, in die beste denkbare Obhut gebracht, bevor sie sich der Polizei stellte: zu ihren Eltern.  

Was fällt uns auf?
Die einzige Meldung, die es in allen drei Medien als Familientragödie „geschafft“ hat, ist die Meldung aus Sinnsheim.  Alle Täter waren Männer. Z.T. wurden legale Schusswaffen benutzt, z.T. war die Herkunft zur Zeit der Meldung nicht bekannt. Keine der Meldungen wurden von Waffenverboten verfolgt, obwohl Sinnsheim in Baden-Württemberg liegt. 

Warum haben die anderen Todesschützen keine Waffenverbotsforderungen ausgelöst?
Waffenverbote wurden nur nach Winnenden (Amoklauf in Baden-Württemberg), Lörrach („erweiterter Suizid“ mit Fremdverbrechen in Baden-Württemberg) und Plochingen („häusliche Gewalt“ in Baden-Württemberg) in den Medien eingefordert. Sinsheim erforderte drei Tote, somit zwei mehr als Plochingen oder einen weniger als Lörrach. Doch Sinsheim war ein Beziehungsdrama, kein Amoklauf und auch kein Mord. So beschreiben es die Medien.

Doch was denke ich? In Sinsheim und in den anderen oben erwähnten Orten hat sich ein Mann angemaßt, über das Leben seiner Familie zu bestimmen. Wir – in Deutschland – regen uns über Ehrenmorde auf, doch tolerieren wir anscheinend dieselben, sofern ein Familienvater seine komplette Familie, manchmal nebst Schwägerin und Freundin, auslöscht.  Natürlich hat diese Toleranz ein Ende, sofern eine Familienmutter die Auslöschung der Familie bestimmt (Lörrach) oder den Ehemann erschießt (Plochingen).

Warum sind Tötungen von Männern Beziehungsdramen oder Familientragödien, während bei Tötungen von Frauenhand Killer- und Todesschützinnen am Werk waren?
Die meisten Medien arbeiten mit Freelancern. D.h. die Journalisten sind nicht fest angestellt, sondern bekommen ihr Einkommen über gekaufte Artikel. „Sex sells“ und Mord verkauft sich ebenfalls gut. Schlagzeilen, die interessant sind, werden eher eingekauft als neutral wissenschaftliche Artikel. Frauen töten seltener als Männer. Daher lässt sich ein Artikel über eine Täterin immer besser verkaufen.

Ohne wissenschaftlich an die Problematik heranzugehen, drängt sich der folgende Verdacht auf:

  • Frauen morden seltener
  • Mordende Frauen haben einen hohen medialen Wert
  • Morde an Ehefrauen sind keine Schlagzeile wert
  • Morde an Ehefrauen werden hinter den Wörtern Familientragödie und Familiendrama versteckt

Beim Mord gibt es einen schuldigen Täter. Bei Dramen und Tragödien gibt es mehrere Akteure.
Allein durch die Wortwahl werden Gewaltdelikte im „sozialen Nahbereich“ verharmlost.
Diese Ansicht vertritt auch Regula Bähler, Rechtsanwältin in Zürich und Dozentin für Gerichts-berichterstattung am Medienausbildungszentrum MAZ Luzern, in ihrem am 27.01.11 erschienenen lesenswerten Artikel: «Beziehungsdramen» – ein Blick hinter die Schlagzeilen

Seitdem ich 1992 von der Zeitschrift EMMA auf diese Diskrepanz in der Berichterstattung aufmerksam geworden bin, denke ich immer an Mord, wenn ich das Wort Familiendrama lese. Allein schon dieser –  automatische – Gedanke lässt jeden Artikel in einem anderen Licht erscheinen.

Katja Triebel – Januar 2011